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FORTSETZUNG ANGEKOMMEN: Ich denk' an dich

Ich denk‘ an dich Ich habe es langsam Leid, andauernd von meinem Fenster auf das andere Flachdach zu springen, es muss einfach eine andere Lösung geben. „Mama?“ „Ja mein Schatz?“ In unserer ganzen Wohnung riecht es nach Knoblauch und Suppengemüse. Ein sicheres Zeichen Dafür, dass Mama kocht. Sie steht in der Küche vor dem Herd und hat sich eine Schürze umgebunden. Ich will nur ESSEN! „Ehm, nochmal wegen dem Hausarrest…“ „Ja?“ Jetzt wird sie langsam hellhörig. „Ich wollte fragen, wie lange der noch geht…?“ „Wieso?“ Mama ist sonst immer diejenige, die predigt, man soll eine Frage nicht mit einer Gegenfrage beantworten. Und was macht sie? „Weil, … weil ich schon seit ungefähr einer Woche jeden Nachmittag in meinem Zimmer hocke, während die anderen Spaß haben. Ohne mich.“ Ich versuche, ein deprimiertes Gesicht zu machen. „Ach Schätzlein…“ Ich blinzele sie wehmütig an. O Gott, wie lange habe ich diesen Blick geübt! „Na gut.“ Mama gibt sich geschlagen! Endlich. „Aber!“ So ganz kampflos lässt sie mich auch nicht ziehen, war klar. „Aber du musst spätestens halb 7 wieder zu Hause sein!“ Ich nicke, umarme sie und laufe schnell zu meinem Treffen mit Janick im Park. Ich habe es mir ange-wöhnt, jeden Tag mindestens 70 Sit-ups zu machen und nur noch morgens mit der Bahn zu fahren. Da bin ich nämlich immer noch so müde, dass ich keine sportlichen Leistungen bringen kann. Selbst meine Sportlehrerin meint, ich habe Kondition aufgebaut. Tja, sowas kommt von sowas… Im Park sehe ich Janick noch nicht, kein Wunder, er hat ja auch noch eine Viertelstunde Zeit. Ich bin etwas früher da, weil ich mich mit meiner Laufzeit verschätzt habe. Ich bin besser, als ich geglaubt hab…! Fröhlich springe ich über die Lehne von der Parkbank, einfach so. Erst im Nachhinein wundere ich mich, dass ich es doch schon geschafft habe. Also probiere ich es gleich nochmal, wieder klappt es, aber dieses Mal kriege ich sogar noch Applaus. Er steht locker da, schlägt die Hände mit einem lauten Klatschen zusammen und grinst. Ich lache ironisch. „Hallo Janick.“ „Hey. Das war schon ziemlich gut, muss ich mal so sagen.“, sagt er und nickt anerkennend mit dem Kopf. Ich lasse mich mit einem lauten Plumps auf die Bank fallen. „Also, worüber willst du nun so dringend reden?“ Desto schneller ich hier wegkomme, umso besser. „Es ist wegen Liv. Ich wollte dir das eigentlich noch erklären, aber du bist gleich so ausgerastet.“ Ausgerastet? Der spinnt doch! Ich habe wirklich ganz normal reagiert, der Situation entsprechend… „Es war nämlich so, dass ich erst ein paar schwache Gefühle für sie hatte und dachte, es könnten mehr werden …“ Hätte, könnte, wollte. Bestimmt, denke ich, aber ich kaufe dir das nicht ab. „Aber dann habe ich mich in jemand anderes verliebt und wusste nicht, was ich machen sollte, also habe ich sie abblitzen lassen.“ Anstatt Liv das zu erklären. Sie hätte es bestimmt verstanden! Ich bin immer noch sauer auf ihn. „Und dieser jemand bist … du!“ Ich nicke gedankenverloren, bis ich begreife, was er da gerade gesagt hat. Ich? Niemals! „Aha.“, sage ich, noch ganz verschleiert. Er starrt mich hoffnungsvoll an. „Und? Hast du auch Gefühle für mich?“, fragt er. „Lass mich noch überlegen.“, sage ich, stehe auf und gehe. Er ruft mir ein „Tschüss!“ hinterher, und ich hebe die Hand und winke. Aber ich drehe mich nicht noch mal um. Nicht für ihn. Ich will nicht, dass er mich auch noch so verletzt, wie Liv. Und ich habe einiges mit Tami und ihr zu klären… Mist, Mist, Mist. „WAS?“ „Liv, nicht so laut… Ich würde es auch ändern, wenn ich es könnte!“ Wir skypen per Videoanruf. „O Gott, O Gott.“, stöhnt Tami. Ich bin am Verzweifeln. Eben habe ich den Beiden von meinem Treffen mit Janick im Park erzählt. Sie wären am liebsten mitgekommen und hätten es alles „live“ gehört, das weiß ich, auch wenn sie es nicht sagen wollen. Aber ich kenne sie inzwischen zu gut. „Aber…aber…“, stammelt Liv und guckt entsetzt in ihre Webcam. „Ganz ruhig.“, beschwichtige ich, „Ich nehme ihn auch nicht ernst…“ „Noch.“, lässt Tami trocken hören. Ich gucke sie empört an. „Tami! Ich weiß, was ich mache! Ich tanze mit ihm und dann…“ „Verliebst du dich in ihn!“, führt Liv meinen Satz zu Ende. „Quatsch.“ „Das weißt du jetzt noch nicht.“, sagt Liv, „Ich kenne ihn.“ „Ich auch!“, ruft Tami. Da piepst mein Handy. Eine SMS. Ich weiß auch ohne Draufgucken, von wem sie ist. Er ist der einzige, der mir zurzeit SMS’en schreibt. Tatsächlich. Hey Am! <3 Stört es dich, wenn ich sowas schreibe? Ach, geht schon… Ich sag Bescheid, wenn‘s mir nicht passt. „Hat er geschrieben?“, fragt Liv hektisch. „Jaa…“, sage ich kleinlaut. „Zeig!“, fordert sie. Ich halte mein Handy vor die Webcam, sodass die beiden die SMS sehen können. Liv rauft sich förmlich die Haare, als sie sieht, was ich zurückgeschrieben habe. „Wie konntest du nur?!“ „Verräterin…“, schmunzelt Tami. „‘tschuldigung.“ „Oh, Mist, Gunnar will an den PC. Bis bald Mädels!“, sagt Liv und schaltet ihre Webcam aus. Auch ich verabschiede mich und fahre meinen Laptop runter. Dann sitze ich ratlos auf meinem Schreibstisch-stuhl und denke nach und grüble. So lange, bis Papa uns zum Abendbrot ruft. Lustlos esse ich meinen Gurkensalat auf und verschwinde schnell wieder in mein Zimmer. So zieht die Woche an mir vorbei. Und da heute Freitag ist, und ich den ganzen Tag nichts anderes gemacht habe, als rumzuhocken, beginne ich jetzt mit meinem Training. Abends um halb acht vielleicht ein bisschen spät, aber ich muss das aufholen, was ich in der Woche versäumt habe. Und das ist eine ganze Menge. Nach 100 Sit-ups klettere ich keuchend und stöhnend auf die Fensterbank und gehe in Sprungposition. Ich weiß, dass das Springen auf das Flachdach gerade jetzt gefährlich ist, aber es ist mir egal. Ich mag zwar ausgepowert sein, aber das ändert nichts. Ich muss hier raus. Als ich mich aufrichte, spüre ich den Schlüssel, den ich sicherheitshalber eingesteckt habe. Mama und Papa sind heute zwar Essen gegangen, aber ich will nicht riskieren, dass ich noch mal Hausarrest kriege, weil Will seinen Mund mal wieder nicht halten kann. Meine Yoga-Hose schlabbert bequem um meine Beine. Mein Top ist enganliegend und ich kann meinen kleinen Bauch nicht verbergen. Das ist mir aber egal, ich habe schon sehr abgenommen durch Pacour und außerdem sieht mich sowieso keiner. Und ich groß drüber nachdenken kann, spüre ich, wie mein Körper schon fast wie aus Routine arbeitet. Ich bin während meines Hausarrestes sooft über das Flachdach abgehauen und keiner hat es gemerkt. Meine Füße stoßen sich ab, meine Hände lassen den Fensterrahmen los, mein Oberkörper beugt sich leicht nach vorne, ich strecke meine Arme aus und bremse meinen Sprung schmerzhaft ab. Laufe zur Luke, schlüpfe in das Haus, schleiche unbemerkt das Treppenhaus runter, bin auf der Straße, sprinte und laufe abwechselnd zum Park. Und lasse mich ausgepowert auf die nächstbeste Bank fallen, schließe die Augen und blende alles aus. „Bist du müde?“ Ein Adrenalinschub durchzuckt mich und schlagartig stehe ich und starre ihn wütend an. „Scheiße, musst du dich immer so anschleichen?“ Er lächelt. „Es ist spannend, dir zuzugucken.“ „Warum das denn?!“ In mir bin ich immernoch erschreckt und total hibbelig. Aber äußerlich strahle ich Ruhe aus. „Es sieht hübsch aus, wie du dich konzentrierst, dann abcheckst, ob du es auch wirklich schaffen kannst und dann auf das Hindernis zu rennst – wie damals bei der Bank. Ich habe dich schon eine ganze Weile beobachtet, aber heute ist es anders… du warst ruhiger und gelassener, als du dich bis eben noch auf der Bank ausgeruht hast.“ Wenn der wüsste, was ich davor gemacht habe, würde er schon etwas ganz anderes sagen, denke ich. „Zeigst du mir noch was?“, bitte ich ihn. „Was denn?“ „Na, in Sachen Pacour und so. Das einzige, was ich bisher kann, ist schnell und ausdauernd laufen und von einem Dach aufs andere springen.“, erkläre ich. Er starrt mich schockiert an. „Was?“ „Ich habe gesagt, dass ich noch nicht wenig kann und du mir deswegen was zeigen sollst. Bitte.“ „Ich meinte das mit dem Dach…! Das war doch nur ausgedacht, oder?“, fragt er. „Nein. Ich hatte Hausarrest, und wollte aber doch zum Training, weißt du…“ „Aber deswegen kannst du doch nicht von einem Dach aufs andere springen!“ Ist das Wut in seiner Stimme? Ich schiebe bockig das Kinn nach vorne. „Natürlich kann ich das. Sonst wäre ich jetzt nicht hier.“ „Du hättest dir was brechen können! Oder sogar sterben können! Außerdem ist das Flachdach ganz bestimmt nicht deins, also darfst du da gar nicht rauf!“ Ich lasse die Standpauke über mich ergehen, aber irgendwann halte ich es nicht mehr aus. „Was hätte ich den sonst machen sollen?!“, fahre ich ihn an, „Ich hatte keine andere Möglichkeit!“ Ich starre ihn wütend an, er starrt zurück. Schließlich drehe ich mich weg, weil ich trotz allem lachen muss. Und ich habe gesehen, dass auch seine Mundwinkel gezuckt haben. „Was willst du denn lernen?“, fragt er mich nach einer endlos erscheinenden Minute. „Was ist denn wichtig?“ „Hm … abrollen vielleicht. Kannst du das?“ „Was ist das?“ Ich komme mir irgendwie dumm vor, denn ich weiß will Pacour können und weiß nicht mal das. „Also, das ist, wenn man landet. Da du es nicht kennst, hast du es auch bestimmt nicht angewendet, nicht mal unbewusst. Wenn du also von irgendwas runterspringst, dann rollst du dich ab, um deinen Sprung zu bremsen und dir nicht wehzutun.“, erklärt er. Dann stellt er sich auf die Lehne von der Bank, balanciert ein bisschen drauf rum, springt dann runter und macht auf dem Boden eine Vorwärtsrolle. Abrollen ist das also. „Tada.“ „Eine einfache Vorwärtsrolle?“, frage ich ungläubisch. Er nickt zufrieden. „Jap.“ „O, na dann… das krieg ich auch ohne hin. Was hast du noch so drauf?“ „Mach erstmal das, ja?“ Ich will mich eigentlich weigern, allerdings will ich auch keinen Streit mit Janick. Also balanciere ich kurze Zeit später ebenso wie er auf der Lehne. „Und jetzt springen und sanft abrollen!“, ruft er mir zu. Ich nicke, spanne meine Muskeln an, springe von der Bank herunter, drücke den Kopf auf die Brust, ziehe meine Hände nach vorne, krümme den Rücke – „Au!“ Der Boden ist härter als gedacht. „Du hast gesagt, es geht mit dem Abrollen auch schmerzlos!“, werfe ich ihm vor. „Natürlich, aber nicht beim ersten Mal. Es kann nicht immer alles sofort klappen.“, macht er mir Mut. Ich klettere wieder auf die Lehne, rolle mich ein weiteres Mal ab, und verziehe das Gesicht vor Schmerzen. So läuft das immer wieder. Irgendwann fängt es an zu dämmern und ich habe ein schlechtes Gewissen. „Ich muss dann mal nach Hause, ja?“, sage ich. „Ja, wenn du meinst… Sehen wir uns wieder?“ Ich nicke. „Morgen, wenn du Zeit hast.“ „Dann können wir das mit dem Tanzen ja auch noch mal bereden.“ Ups, ich wusste, da war noch was. „Na klar. Tschau.“ Ich gehe los, er ruft mir noch hinterher: „Ich denk‘ an dich!“

10.11.13 11:53, kommentieren

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Für meine (wenigen) fleißigen LeserInnen: "Es gibt immer einen Ausweg"

Es gibt immer einen Ausweg …

Der Sonntag war gähnend langweilig. Mama hatte mir gesagt, ich solle zuerst „eine Runde“ (was einer Stunde entspricht) bügeln, und dann die Socken ordnen. Hab ja nichts Besseres zu tun. Dann machte ich meine Hausaufgaben, wir aßen Mittag, Mama und Papa machten ihren Mittagsschlaf, ich wartete (vergeblich) auf eine SMS von Janick, stritt mich wieder mit Will, aß Abendbrot, ging zu Bett.
Das war mein Sonntag. Ich habe Janick heute in der Schule gesehen, es hat geregnet, also haben wir uns alle mehrere Schirme geteilt, wir aus unserer Klasse. Dann kam er, hat sich unter Angelinas Schirm gestellt und mit ihr rumgekaspert. Und mich hat er gewissenpflichtig ignoriert. Dummerweise war ich zu feige, ihm wenigstens „Hallo“ oder sowas zu sagen.
Wegen dem Hausarrest kann ich mich nicht mehr mit meinen Mädels treffen und fühle mich total ausgeschlossen, wenn sie erzählen, was sie am Nachmittag alles so zusammen machen. Selbst Mama hat meine deprimierte Laune bemerkt und mich drauf angesprochen. Ich habe ihr erzählt, dass es gerade mit der Schule alles voll stressig ist, und so weiter. Sie hat ziemlich mitleidig geguckt, aber den Arrest immernoch nicht aufgehoben.
Tja, und jetzt liege ich auf meinem Bett, was ich in letzter Zeit immer öfter mache, und kuschle mit Campari. Ich bin echt sehr froh, dass ich ihn habe, sonst würde ich wahrscheinlich die ganze Zeit nur weinen. Ich musste mein Training mit Janick absagen, und habe Angst, dass er denkt, ich halte nicht durch. Obwohl… ich springe so ruckartig auf, dass Campari hochspringt und faucht, aber ich ignoriere ihn. Der typische Trick: Abhauen. Mein Zimmer ist im zwar im 4. Stock, aber gleich gegenüber von meinem Fenster ist ein Flachdach, 3 Stockwerke. Ich müsste dann quasi zwar ein Stockwerk runterspringen, aber besser, als im Zimmer zu hocken und rumzumaulen. Ich mache mein Fenster ganz auf und setze mich in die Hocke auf das Fensterbrett. Nach unten sind es ungefähr 5 Meter. Ich schaudere und zwinge mich, nach vorne zu gucken. Bis auf das Flachdach sind es nicht mehr als zwei Meter. Es ist also ganz nah dran. Vorsichtshalber stelle ich mich dann doch auf das Fensterbrett, lehne mich nach außen und halte mich am Rahmen fest. Hinter mir miaut Campari.
„Ist schon gut, ich komme ja wieder…“, sage ich. Es soll beruhigend klingen, tut es aber irgendwie nicht. Ich atme noch einmal tief durch, dann stoße ich mich ab und lasse den Rahmen los.






Ich merke, wie ich kurz in der Luft fliege, es ist ein tolles Gefühl. Automatisch ziehe ich die Beine nach vorne, wie beim Weitspringen in der Schule.
Ich wollte eigentlich in der Hocke landen, aber es klappt nicht so ganz. Meine Füße kommen sich und einen halben Meter vom Rand entfernt auf und ich bremse mich ein bisschen mit den Händen. natürlich habe ich sofort ein paar Schrammen an den Händen, weil auf dem Dach ganz viele kleine Steinchen liegen. Aber ich wische mir das wenige Blut an der Hose ab und stehe glücklich auf. Ich habe es geschafft…!
Als ich zu meinem Fenster gucke, sitzt Campari auf dem Fensterbrett und mauzt. Ich lächle ihn an und rufe: „Warte, gleich bin ich wieder da!“
Dann laufe ich über das Dach, bis zur anderen Seite, da wo ich die Feuerleiter vermute. Umso er-schreckter bin ich, dass da keine mehr ist. Ich bekomme Panik. Wo ist das Ding denn hin? Weg. Ich schaue wieder zu meinem Fenster. Zurückspringen? Auf keinen Fall. Entweder würde ich durch das Fenster auf den Boden, im besten Fall noch auf den Schreibtisch, der vor dem Fenster steht, krachen.
Oder ich komme gar nicht erst ans Fensterbrett, sondern rutsche mit meinen Händen daran ab. Und falle 4 Stockwerke runter. Ein gebrochener Arm ist da hundertprozentig drin.
Keine Panik schieben, denke ich, keine Panik. Ich wandere auf die andere Seit vom Dach, vielleicht habe ich mich ja bei den Seiten geirrt. Habe ich nicht. Nirgendswo eine Feuerleiter. Ich sinke er-schöpft zusammen.
Na toll.
Jetzt sitze ich auch noch auf irgendeinem splittrigen Holz.
Moment mal…! Holz?!
Ich springe auf und gucke auf die kleine Holztür, auf der ich bis eben gesessen habe. Eine typische Luke. Den Griff habe ich nicht gesehen, aber jetzt ruckle und reiße ich an ihm, bis sich die Klappe endlich hochziehen lässt.
Erleichtert sehe ich eine Treppe und zögere nicht lange. Ich stolpere sie mehr runter, als dass ich gehe. Ziehe die Luke hinter mir wieder nach unten. Stehe wieder vor einer Holztür. Sie ist nicht abgeschlossen, geht ganz leicht auf. Dann finde ich mich in einem, nicht ganz so hübschen, Treppenhaus wieder und laufe die Treppen hinunter. Ich habe ja Kondition, denke ich lachend. Im ganzen Haus begegne ich niemandem. Ist vielleicht auch ganz gut so.
Ich schaue auf meine Armbanduhr. Es ist kurz nach um vier, das heißt, dass Mama und Papa höchs-tens in einer Stunde nach Hause kommen. Will ist zur Abwechslung mal in der Uni und Freddy hockt am Laptop und schreibt ihre Facharbeit. Es sollte also keiner mein Verschwinden gemerkt haben.
Als ich vor unserer Wohnungstür stehe, fällt mir ein, dass ich ja klingeln muss, damit ich reinkomme. Nächstes Mal muss ich unbedingt einen Schlüssel mitnehmen. Und Janick eine SMS schreiben, dass wir morgen trainieren können:

Hast du morgen Zeit? Training nachholen ;-)

Gerne doch. Wann?


„Hm.“
„Na was, hm?“, frage ich.
„Es klingt nicht so begeistert…“, meint Liv zögernd.
„Aber er hat „Gerne doch“ geschrieben!“, versuche ich sie zu überzeugen. Stille.
“ Bist du wütend, weil ich mit ihm trainiere?“ ich schaue sie an. „Sag schon.“
Wir stehen in einer ruhigen Ecke auf dem Schulhof. Ich habe Liv und Tami eben Janicks SMS gezeigt.
„Indirekt.“
„Boah Liv! Komm auf den Punkt!“ Langsam werde ich wütend. Auch Tami sieht sie gespannt an.
„Ich bin nicht wütend auf dich, sondern auf ihn. Weil er mich anscheinend einfach so vergessen hat und ich hoffe, dass du ihm mehr wert bist, Am.“
„Du musst lernen, ihn zu vergessen.“, meint Tami.
„Du wiederholst dich.“ Liv faucht sie fast an. Wir haben das Thema in den letzten Tagen noch nicht ganz ausdiskutiert.
„Du kannst doch nicht immer wütend, traurig und deprimiert sein, Liv. Wo bleibt deine Lebensfreu-de?“ Tami ignoriert Livs Ton gewissenpflichtig, „Du bist andauernd nur traurig und meckerst uns voll. Hast du schon mal mit ihm geredet?“
„Nein…“, sagt Liv bedrückt, „Tut mir Leid, dass ich an euch meinen Frust auslasse.“
Ich umarme sie. „Das wird schon wieder. Und wenn nicht, dann geige ich ihm mal ordentlich die Meinung!“
Meine Worte bleiben sind nicht ohne; Liv muss kichern.
„Ich hab mich heute wieder mit Janick am Hafen verabredet. Soll ich ihm irgendwas ausrichten?“
„Nein, meine Meinung soll er sich selbst holen.“, brummt Liv.
Tami sagt: „Du kannst ihm ja mal sagen, was los ist. Er wird Liv ja wohl kaum übersehen haben.“ Ich nicke.

Nach der Schule sehe ich Janick, wie er in die S-Bahn einsteigt. Ich will ihm schon zuwinken, verkneife es mir aber dann lieber. Du kannst jedem zuwinken, aber nicht dem, sage ich zu mir selbst, wenn er dich und die anderen ignorieren kann, kannst du das auch.

„Und, wie geht’s?“
Er versucht, fröhlich und nett zu klingen. Ich falle da nicht drauf rein.
„Gut und dir.“
„Hör auf zu lügen.“
„Was?“
„Dir geht es nicht gut, weil…“
Ich unterbreche Janick. „Mir geht es ja gut, aber dir anscheinend nicht! Erst machst du ihr Hoffnun-gen und dann ignorierst du sie einfach! Und das findest du anscheinend in Ordnung. Du denkst wohl, du kannst jede haben, nur weil, weil…“ Ich hole Luft. Und überlege. Weil…? Weil, was?
„Nur weil du denkst, dass du gut aussiehst!“ Jetzt ist es raus.
Er starrt mich verwundert an.
„Wen meinst du? Wem habe ich Hoffnungen gemacht?“
Bist du echt so blöd, wie du aussiehst?, denke ich. „Liv!“
„Liv?“
Ich zwinge mich, ruhig zu bleiben.
„Sie war in dich verliebt, und du hast ihr Hoffnungen gemacht, indem du gesagt hast, du liebst sie auch!“, sage ich. In mir kocht es. „Und jetzt ignorierst du sie, sie ist nicht mehr gut genug für dich, und du suchst dir eine andere! Das ist einfach … dumm!“ Das letzte kommt ziemlich laut aus mir raus. Ein alter Opa, der an uns vorbeigeht, murmelt: „Nana, junges Fräulein.“
Ich drehe mich auf dem Hacken um und renne weg, weg von dem Opa, weg von Janick, raus aus dem Park. Ich weiß, dass er mir nicht folgen wird. Dass ich ab jetzt alleine trainieren kann. Und wenn schon. Da packt mich eine Hand am Arm und zieht mich ruckartig nach hinten. Ich keuche vor Schreck auf und gucke direkt in seine Augen.
„Ja, es stimmt, was du gesagt hast. Und ich bin froh, dass ich sie los bin. Sie hat echt genervt.“
Ich reiße mich los und schreie: „Du Blödmann!“
Dann laufe ich wieder los, und er ruft mir hinterher: „Warte, o Mann, Amberly!“
Ich laufe weiter, schüttle immer den Kopf, wen ich ihn rufen höre, laufe aus lauter Verwirrung an der S-Bahn-Haltestelle vorbei.
Ich bleibe nicht stehen, auch an den anderen Haltestellen nicht, aus Angst, er könnte mich einholen. Aber er kommt nicht mehr hinter mir her.
Schwer atmend stehe ich vor unserem Wohnungsblock. Schaue an der verzierten Fassade hoch. Und drücke erschöpft auf die Klingel mit unserem Namen.
Dieses Mal wundert Freddy sich doch, wo ich herkomme.
„Aus der Schule. Hatte was vergessen.“, murmle ich und verschwinde, bevor sie noch etwas anderes sagen kann.
Als ich meinen Laptop hochfahre, sehe ich aus den Augenwinkeln, wie mein Handy aufblinkt. Ich stehe auf und gucke, wer mir geschrieben hat. Und muss einen Impuls unterdrücken, das Ding nicht an die Wand zu werfen. Janick. Ich schmeiße es zumindest auf mein Bett und mache zur Demonstration 50 Sit-ups, als könnte er sehen, dass ich auch alleine zurechtkomme. Erst dann wage ich es, seine SMS zu lesen.

Ich muss mit dir reden. Morgen im Park? J.

Du spinnst wohl.

Aber ich kann es mir nicht verkneifen:

Na gut, wann?

Keine 10 Sekunden später kommt die Antwort:

Wenn’s geht, so zu halb vier. An unserer Parkbank ;-)

Mein Gott, der Junge klebt ja regelrecht an seinem Handy, denke ich und muss schmunzeln. Es geht nicht anders. Mir sind eben seine grün-braunen Augen eingefallen, und die langen, dunklen Wimpern…
Jetzt hör auf, ermahne ich mich, da kann man ja denken, du bist verliebt!
„Miau.“, tönt es von meinem faulen Kater, der auf seiner Schmusedecke liegt.
„Kannst du etwa meine Gedanken lesen?“, frage ich ihn lächelnd. Er geht zu mir, streicht einmal um meine Beine und verschwindet maunzend in Richtung Küche. Ich kann Freddy schon stöhnen sehen, wenn er mit seinem süßen Katerblick um ein bisschen Trockenfutter zwischendurch bettelt. Verfressen und faul, denke ich, mein Kater.

8.11.13 17:15, kommentieren